Texte


 

Dem Betrachter ihrer Bilder macht es Barbara Seifried nicht leicht. Schon der Titel ”Bootmenschen” ist etwas sperrig. Der Begriff läßt mythologische Assoziationen zu und führt damit bis zu dem Bestattungsritual im alten Ägypten, bei dem der Verstorbene an einer rituellen Bootsfahrt teilnimmt, weil nur so ein Weiterleben nach dem Tod gelingen kann.
Die Bilder sind zwar gegenständlich zu lesen und lassen sich doch mit unserem Bild und mit unserer Erfahrung von Welt nicht aufschlüsseln. Die Menschen in den Booten verstören uns: es sind keine Individuen, sondern der Mensch erscheint als Zeichen, sich ähnlich in vielen Bildern. Er tritt in keinen direkten Kontakt mit dem Betrachter.
Fast alle Bootmenschen sind bandagiert, was sie gebunden aber nicht gefangen wirken läßt. Kratzspuren und Bandagen deuten auf Verletzungen hin, doch sie leiden nicht. Sie scheinen ruhig, ohne Aktivität, wenig lebendig aber nicht tot. Sie stehen in keiner Verbindung zu Anderen, sie sind ganz und gar auf sich selbst bezogen, wirken in sich gekehrt. Sie sind losgelöst von Zeit und Raum, sie bewohnen Zwischenräume und leben in einer Übergangszeit.
Die Bilder Barbara Seifrieds zeichnen Lebensspuren zwischen den Welten. Sie stellen die grundsätzlichen Fragen unseres Seins. Was ist das ”Leben”? Was verbirgt sich hinter den Dingen des Lebens? Woher kommen wir, wohin gehen wir? Das tägliche Ringen um materielle Annehmlichkeiten, der Zwist und Kampf mit den Mitmenschen haben die Bootmenschen weit hinter sich gelassen. Die Bilder zeigen uns in einer entschleunigten Welt unser Eingebundensein in einen Plan vom Werden und Vergehen, dem man sich vertrauensvoll hingeben kann.

Text: Christiane Oßwald und Christine Roth-Walheuer


 

Barbara Seifrieds Bootmenschen sind gefesselte Gestalten, die vielfach umwickelt in kläglichen Nachen hocken, stehen oder liegen. In Gefährten die allein durch ihre Grösse und das offensichtliche Missverhältnis zu ihrer geknebelten Fracht zum Kentern verurteilt scheinen. Das erhoffte Übersetzen von einem Ufer zum anderen wird zu einer symbolischen Form verwandelt. In ihrem Gefesseltsein, in ihrer „eingebundenen“ Isoliertheit geraten Barbara Seifrieds Bootmenschen zum Bild für die menschliche Situation schlechthin. Sie thematisiert die allgemeine Suche nach festem Boden; sie malt den heiklen „Übergang“, dessen Passage allzu oft scheitert.

Barbara Seifrieds Bootmenschen enthalten sich jedweder Gestik. Weder schreien sie um Hilfe, noch gestikulieren sie. Im Gegenteil: Sie wirken bemerkenswert ausdruckslos. Was sich nur zum Teil aus ihren Fesseln erklärt. Da ist kein Zerren, kein Bäumen, kein trotziges Sich-Verrenken, sondern Still-Liegen, ja Reglosigkeit – eher schon ein In-sich-Gekehrtsein. So als könnten diese Gestalten nicht begreifen, wie beziehungsweise was ihnen geschieht.

Und das passt vortrefflich zu der von Barbara Seifried eingesetzten malerischen Technik, der die künstlerische Suchbewegung gewissermaßen eingeschrieben ist. Da gibt es zum Beispiel ins Bild eingearbeitete Textfragmente, die dem Betrachter aus absichtlich offen gelassenen oder nachträglich freigelegten Flächen entgegenblicken, wie die vom Restaurator freigelegten Sichtfenster aufs Ursprüngliche. Auffällig ist auch der statische Charakter der Seifried-Bilder. Alles wirkt wohl ausgewogen: die Flächen, die Formen, die Farben. Doch bricht die Künstlerin diese fein ausbalancierte Harmonie auf, indem sie der oftmals heiter-bunt angelegten Oberfläche Kratzspuren zufügt. Ganz so als gelte es, die Bilder aufzureißen, um Tieferes zu finden. Und obgleich Barbara Seifried selber über ihre Bilder sagt, sie enthielten sich jeder Botschaft, kann dies nur für die Motiv-Seite gelten. Das Formale ihrer Arbeiten sagt entschieden mehr; es fordert auf zum Anschauen und – abstrakten – Durchdringen.

Text: Jörg Büsche


 

Arbeitszyklus Bootmenschen

Der Arbeitszyklus der Bootmenschen zeigt den Übergang von einer Welt in die nächste.

Der beschränkte Raum des Bootes ist die Heimat der Bootmenschen, sie vertrauen auf die Hülle, die sie trägt. Das Boot ist ein Zeichen dafür, neue Ufer zu erreichen. Sie machen sich auf und finden Halt in ihrem Boot. Sie sind festgehalten im Alten und doch bereits fest verbunden im Neuen. Ein anderes Mal lassen sich die Bootmenschen treiben ohne Ziel und Ausgangspunkt in einer rätselhaften Welt, in einem unbekannten Kosmos.
Der Tod ist hier kein belastendes, destruktives Thema. Man muss sich nur darauf einlassen, dann findet man über ihn zum Ursprung allen Lebens.


 

Arbeitszyklus Kokon, Nest, Samen, Frucht

In dieser Bilderwelt stimmt bei näherem Betrachten alles zusammen. Geburt und Tod, Kokon und Nest, Samen und Frucht gehören unweigerlich zum Kreislauf des Lebens. Die Bilder erzählen vom Werden, Sein und Vergehen.

Früchte in verschiedenen Stadien, geschlossen oder leicht angeplatzt, mit Samen oder ohne. Die Früchte reihen sich aneinander und deuten so an, dass sich ein Vorgang wiederholt. Ein Vorgang, der Wachsen und Gedeihen auf der Erde ermöglicht. Wir sehen die Erde, die geheimnisvolle Kräfte und Energien verborgen hält.